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Leseprobe

Copyright W.Steih

Das leere Zentrum 

Kapitel 1 - Die Begegnung

Campus Bockenheim! Ja, es war auf dem Campus Bockenheim. Ich erinnere mich noch genau – an jeden einzelnen Moment. Ich hatte an der Goethe-Universität in Frankfurt die Vorlesungsreihe „Kognition und Bewusstsein“ belegt. Ironischerweise sollte diese Vorlesung sich als prophetisch erweisen - allerdings auf eine Weise, die keiner der Professoren vorhergesehen hätte.

Die Tür zum Hörsaal 4 öffnete sich. Studenten strömten heraus wie Wasser aus einer Schleuse, während ich in einer Gruppe von Kommilitonen im Treppenhaus auf Einlass wartete. Das übliche Gedränge, das gewohnte Gemurmel über verpasste Folien und unverständliche Thesen.

Dann sah ich ihn.

Einen Typen, der herauskam. Einen Typen, der mir so unheimlich ähnlich sah, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb. Ähnlich ist eigentlich das falsche Wort – er sah mir nicht nur ähnlich. Er sah genauso aus wie ich. Dieselbe Narbe über der linken Augenbraue von jenem Fahrradsturz mit acht Jahren. Derselbe asymmetrische Gang, leicht nach rechts geneigt. Sogar die Art, wie er seine Jacke über die Schulter geworfen hatte – genau so, wie ich es immer machte.

Mein Herzschlag setzte einen Takt lang aus.

Anscheinend bemerkte es aber außer mir niemand. Warum auch? Die Leute sind eh ständig mit sich selbst beschäftigt, gefangen in ihren eigenen Gedankenblasen, blind für die Risse in der Realität, die sich direkt vor ihren Augen auftun.

Ich war total verunsichert – nein, verunsichert trifft es nicht. Ich war paralysiert! Was macht man in so einer Situation? Es gibt keine gesellschaftliche Konvention für die Begegnung mit dem eigenen Doppelgänger. Klar, ich hätte ihn ansprechen können, ansprechen auf unsere frappierende Ähnlichkeit. Hätte ihm Fragen stellen können: Entschuldigung, sind Sie zufällig ich? Aber - die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich starrte ihm nur wortlos hinterher, wie hypnotisiert, bis er in Richtung Mensa verschwand und sich in der Masse auflöste wie Tinte in Wasser.

So etwas ist eine Erfahrung, die die Selbstwahrnehmung fundamental erschüttern kann. Wenn die eigene Einzigartigkeit – diese letzte Bastion der individuellen Identität – sich als Illusion entpuppt.

In der Folgewoche sah ich noch mehr von diesen Typen. Nicht nur einen. Mehrere. Typen, die alle genauso aussahen wie ich, die alle mit meinem Gesicht durch die Welt liefen, als wäre es das Selbstverständlichste überhaupt. Manche waren etwas kleiner, andere nur unwesentlich größer als ich. Einige schleppten zu viel Gewicht mit sich herum, aber die wesentlichen Gesichts- und Körpermerkmale waren alle absolut identisch mit meinen.

Einer ging in der Fußgängerzone an mir vorbei, keine fünf Meter entfernt. Er fiel mir zuerst wegen seiner außergewöhnlich extravaganten Kleidung auf: dunkel-lila Schlaghose, enger Pullover mit gelbem V-Ausschnitt, schulterlanges Haar – länger, als ich meins je getragen hatte – dazu ein orangefarbenes Batik-Stirnband. Er schien völlig aus der Zeit gefallen, sah aus wie ein Hippie vom Herzberg-Festival, der durch ein Zeitportal gestolpert war. Er telefonierte, gestikulierte wild, wirkte genervt. Seine Stimme – meine Stimme – drang zu mir herüber: „Nein, das habe ich so nicht gesagt!“

Ich blieb stehen, mitten auf dem Gehweg. Eine Frau rempelte mich von hinten an, murmelte etwas Unfreundliches. Aber ich konnte mich nicht bewegen, konnte nur diesem Mann nachstarren, der mit meinem Gesicht eine Zeitreise durch die Jahrzehnte zu unternehmen schien.

Einen weiteren traf ich im Supermarkt, drei Tage später. Über eine Tiefkühltruhe gebeugt durchstöberte er methodisch die Pizzaschachteln – diesmal, glücklicherweise, in einem ziemlich gewöhnlichen grauen Businessanzug. Konservativ, unauffällig. Der Anzug saß perfekt, maßgeschneidert vermutlich. Ich selbst hätte mir so etwas nie leisten können. Dieser Doppelgänger schien erfolgreicher zu sein als ich, seine Version meines Lebens war offenbar profitabler. Er wählte schließlich eine Pizza Margherita – meine Lieblingssorte – und verschwand in Richtung Kasse.

Ich stand da, zwischen den Regalen, eine Dose Ravioli in der Hand, und fragte mich: Welche Entscheidungen hatte er anders getroffen als ich? An welcher Weggabelung waren unser beider Leben auseinandergedriftet?

Diese Typen – diese Ichs – können überall leben. In Japan, Nigeria oder Argentinien. Oder auch nur zwei Straßenzüge von dir entfernt. Vielleicht sitzen sie gerade in einem Café in Buenos Aires, oder sie fahren U-Bahn in Tokio, oder sie schlafen friedlich in Lagos, während du hier diese Geschichte liest und dich fragst, ob dein Gesicht eventuell auch einem Fremden gehört.

Ich will nicht leugnen, dass mich diese Begegnungen mehr als nur etwas verstört haben. Normalerweise bin ich ein ziemlich entspannter Typ – okay, ich sprühe nicht immer vor Elan und Esprit, und manchmal brauche ich drei Kaffee, um überhaupt einen stimmigen Gedanken zu formulieren. Aber mal ehrlich: Was macht man in so einer Situation? Es gibt keine Gebrauchsanweisung für die Konfrontation mit den verschiedenen Erscheinungen des eigenen Selbst.

So etwas kann zu einer tiefen, fast schmerzhaften Reflexion über die eigene Identität führen: Definiert unser Aussehen, wer wir sind? Sind wir die Summe unserer Gesichtszüge, unserer DNA, dieser zufälligen genetischen Konfiguration?

Und was passiert, wenn jemand anderes – oder mehrere andere – dieses Aussehen teilen? Wird man dann weniger real? Verwässert sich das Ich, verteilt es sich auf mehrere Körper wie ein Bewusstsein, das in einem Spiegelkabinett zersplittert wird?

Irgendwann, in einer besonders verzweifelten Nacht, schrieb ich eine wütende E-Mail an das Institut für paranormale Erscheinungen in Berlin. Ich beschuldigte sie ...

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   ***   Ende der Leseprobe   ***   

   Der vollständige Text (Kapitel 1-6) wird voraussichtlich im Sommer 2026 veröffentlicht.

  

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