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Digitale Zuversicht weiterdenken

Ich lade Sie herzlich ein, mitzudenken, Fragen zu stellen und Ihre Sichtweise einzubringen.

Denn die Zukunft entsteht nicht allein durch neue Technologien.

Sie entsteht vor allem durch die Art und Weise, wie wir darüber nachdenken.

KI frisst Energie und Resourcen

  • steihwolfgang
  • 27. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 31. Juli

Ist Künstliche Intelligenz ein Klimasünder im Silicon-Valley-Gewand – oder ein Werkzeug, das uns gerade noch rechtzeitig aus der Energiekrise führen kann? Die Antwort ist unbequem: Sie ist beides zugleich. Künstliche Intelligenz steht im Spannungsfeld von Energieverbrauch und Effizienzgewinn.


Wer heute eine KI-Anfrage stellt, zapft eine globale Infrastruktur an, die Strom, Wasser und seltene Rohstoffe verbraucht. Einerseits verschlingt sie enorme Ressourcen, andererseits ermöglicht sie Einsparungen, die ohne sie kaum denkbar wären und dabei versprechen genau diese Systeme, unsere Welt effizienter, sparsamer und nachhaltiger zu machen. Dieses Paradox ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer technologischen Transformation, deren Bilanz noch offen ist.


Zunächst zur Schattenseite: Das Training großer KI-Modelle erfordert gewaltige Rechenleistungen, die mitunter so viel CO₂ verursachen wie ganze Kleinstädte in einem Jahr. Rechenzentren verbrauchen Strom im Terawattstundenbereich und benötigen zusätzlich Wasser zur Kühlung. Allein das Training eines großen Sprachmodells kann so viel CO₂ verursachen wie mehrere Hundert Transatlantikflüge. Hinzu kommt der laufende Betrieb: Jede Anfrage an ein KI-System aktiviert Serverfarmen, die kontinuierlich Energie ziehen. In Regionen wie Irland oder den Niederlanden wächst der Stromverbrauch von Datenzentren so stark, dass er bereits politische Debatten über Netzstabilität und Wasserverbrauch ausgelöst hat. Die materielle Seite der Digitalisierung ist unübersehbar geworden Auch die Hardware selbst ist ressourcenintensiv – seltene Erden, komplexe Lieferketten und kurze Innovationszyklen erhöhen den ökologischen Fußabdruck.


Und doch wäre es zu einfach, KI nur als Beschleuniger der Ausbeutung zu verstehen. Gerade in Bereichen mit hohem Energieverbrauch zeigt sich ihr Einsparpotenzial. Ein oft zitiertes Beispiel ist die Optimierung von Rechenzentren selbst: KI-gestützte Systeme können die Kühlung dynamisch anpassen und so den Energiebedarf deutlich senken. Ähnliches gilt für Stromnetze. In Deutschland arbeiten Netzbetreiber zunehmend mit KI-gestützten Prognosen, um Schwankungen bei Wind- und Solarenergie auszugleichen. Das reduziert nicht nur Verluste, sondern ermöglicht überhaupt erst eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energien. Google etwa konnte durch KI-gestützte Kühlungsoptimierung den Energieverbrauch seiner Rechenzentren um bis zu 40 % senken – ein Beispiel dafür, wie die Technologie sich selbst effizienter macht.


Im Alltag entfaltet KI ebenfalls Wirkung: Smarte Heizsysteme lernen Nutzungsgewohnheiten und senken automatisch den Energieverbrauch in Gebäuden. Verkehrssteuerungssysteme analysieren Daten in Echtzeit, vermeiden Staus und reduzieren damit Kraftstoffverbrauch. Selbst in der Landwirtschaft hilft KI, Wasser und Dünger präziser einzusetzen, was Ressourcen schont und Erträge stabilisiert.


Entscheidend ist daher nicht, ob KI Energie verbraucht – das tut jede Technologie –, sondern wie effizient sie im Verhältnis zu ihrem Nutzen ist. Wenn KI vor allem für marginale Komfortgewinne eingesetzt wird, verschärft sie ökologische Probleme. Wenn sie jedoch systemisch genutzt wird, um Prozesse zu optimieren, kann sie ein zentraler Hebel für Nachhaltigkeit sein.


Philosophisch lässt sich diese Entwicklung mit Martin Heidegger lesen. Seine Idee des „Gestells“ beschreibt eine Welt, in der alles – Natur, Dinge, selbst menschliche Aufmerksamkeit – zum verfügbaren Bestand wird. KI scheint diese Logik zu radikalisieren: Daten werden zum Rohstoff, Rechenleistung zur neuen Energieform, und selbst kreative Prozesse erscheinen als optimierbare Abläufe. In dieser Perspektive ist KI weniger ein Fortschritt als eine Zuspitzung eines Denkens, das die Welt systematisch in Verfügbarkeit überführt.


In der Industrie wird KI längst eingesetzt, um Ressourcen zu sparen. Predictive Maintenance verhindert unnötige Produktionsausfälle und verlängert die Lebensdauer von Maschinen. In der Logistik analysieren Algorithmen Verkehrsströme und optimieren Lieferketten – weniger Leerfahrten bedeuten weniger Emissionen. Städte wie Kopenhagen oder Barcelona experimentieren mit KI-gestützter Verkehrssteuerung, um Staus zu reduzieren und den Energieverbrauch im urbanen Raum zu senken.


Doch genau hier setzen viele Kritiker an: Effizienz ist nicht gleich Nachhaltigkeit. Das Jevons-Paradox, ein Klassiker der Ökonomie, beschreibt, wie Effizienzgewinne oft zu mehr statt zu weniger Verbrauch führen. Wenn Prozesse günstiger und schneller werden, steigen Produktion und Nachfrage. Übertragen auf KI heißt das: Die Energie, die wir durch intelligente Systeme einsparen, könnte durch deren massenhafte Nutzung wieder aufgebraucht werden. Wenn KI vor allem dazu dient, Content, Konsum und Komfort ins Unendliche zu skalieren, verschärft sie das Problem, das sie zu lösen vorgibt.


An dieser Stelle gewinnt Hans Jonas an Aktualität. Sein „Prinzip Verantwortung“ fordert, dass wir technologische Macht stets an ihren langfristigen Folgen messen. Für KI bedeutet das: Ihr Einsatz darf nicht allein durch Effizienz oder Profit gerechtfertigt werden. Entscheidend ist, ob sie zur Stabilität ökologischer Systeme beiträgt – oder sie weiter unter Druck setzt. Diese Perspektive nimmt die Sorgen der Kritiker ernst, ohne in pauschale Ablehnung zu verfallen.


Auch die Systemtheorie Niklas Luhmanns hilft, die Ambivalenz zu verstehen. KI ist kein autonomer Akteur, sondern eingebettet in wirtschaftliche und politische Strukturen. Sie verstärkt, was diese Strukturen vorgeben. In einer wachstumsgetriebenen Ökonomie wird sie Wachstum beschleunigen – und damit auch den Ressourcenverbrauch. In einem System, das Nachhaltigkeit priorisiert, könnte dieselbe Technologie helfen, genau diesen Verbrauch zu senken. Die entscheidende Frage ist also nicht, was KI „ist“, sondern in welchem System sie wirkt.


Thomas Metzinger schließlich lenkt den Blick auf eine tiefere Ebene: die Qualität unseres kollektiven Bewusstseins. Wenn KI vor allem dazu dient, Aufmerksamkeit zu binden und digitale Abhängigkeiten zu verstärken, dann ist ihr Energieverbrauch Ausdruck eines kulturellen Problems. Wenn sie jedoch genutzt wird, um Wissen zugänglicher zu machen, komplexe Zusammenhänge zu vermitteln und rationale Entscheidungen zu fördern, könnte sie Teil einer nachhaltigeren Zivilisation sein.


So bleibt ein Spannungsverhältnis, das sich nicht technisch auflösen lässt. KI ist weder per se Klimaretter noch Klimasünder. Sie ist ein Verstärker – und damit ein Prüfstein für unsere eigenen Prioritäten. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob wir KI nutzen sollten, sondern wofür. Zwischen Ressourcenverschwendung und Ressourcenschonung entscheidet nicht die Maschine, sondern wir Menschen mit unseren Anwendungen.

 
 
 

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2 Kommentare


Wolfgang Steih
Wolfgang Steih
05. Aug.

Da Großverbraucher wie Rechenzentren unter bestimmten Bedingungen auch helfen können, Überangebote aus Wind- und Solarenergie aufzunehmen und damit das System zu stabilisieren, müssen sie in einer Energiewelt, die auf Erneuerbaren basiert, zwingend mitgedacht werden. Andererseits droht Europa im globalen Standortwettbewerb strukturell zurückzufallen. Die Kapazitäten hierzulande wachsen deutlich langsamer als in den USA und China, spezialisierte KI-Megarechenzentren fehlen, und der geplante Ausbau der Infrastruktur für Rechenzentren ist bislang nicht konsistent mit den Energie- und Klimazielen abgestimmt. Die Frage ist nicht, ob KI den Energieverbrauch spürbar erhöhen wird, sondern wie gut Regierungen und Wirtschaft Energie- und Digitalpolitik miteinander verzahnen. Ohne vorausschauende Planung entstehen bis 2030 Stromlücken und Emissionsanstiege, die Klimaziele und Geldbeutel gefährden können.


Siehe auch: Wieviel Strom verbraucht die KI, eine…

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rzimmerm175
06. Aug.
Antwort an

Das alte Lied: Der technische Fortschritt ist Fluch und Segen zugleich.

Seit der ersten industriellen Revolution Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit der Erfindung der Dampfmaschine Mensch und Tier schwere körperliche Arbeit abgenommen  -  und im Gegenzug mussten Kinder in den Kohlebergwerken Englands unter unsäglichen Bedingungen das „schwarze Gold“ fördern. Mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls wurden dann „Die Weber“ (Gerhart Hauptmann) arbeits- und brotlos.

Ohne Kohle wäre die Eisenbahn nicht möglich gewesen. Kohlekraftwerke erzeugten den elektrischen Strom für die zweite industrielle Revolution, gekennzeichnet durch Massenfertigung und Fliessband in der Auto-Industrie (Henry Ford). Fluch und Segen des Automobils sind hinlänglich bekannt. Die monotone Arbeit am Fließband wird durch programmierbare (Industrie-)Roboter ersetzt. Die dritte industrielle Revolution, herbeigeführt durch immer leistungsfähigere Computer begann.

Mit…

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