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Digitale Zuversicht weiterdenken

Ich lade Sie herzlich ein, mitzudenken, Fragen zu stellen und Ihre Sichtweise einzubringen.

Denn die Zukunft entsteht nicht allein durch neue Technologien.

Sie entsteht vor allem durch die Art und Weise, wie wir darüber nachdenken.

KI macht faul und dumm

  • steihwolfgang
  • vor 21 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt Sätze, die bereits deshalb so überzeugend wirken, weil sie so angenehm kurz sind. „KI macht faul und dumm“ gehört dazu. Drei Wörter, zwei Vorwürfe, eine klare Diagnose. Man könnte die Angelegenheit damit eigentlich als erledigt betrachten – wenn da nicht die unangenehme Tatsache wäre, dass wir Menschen schon vor der künstlichen Intelligenz erstaunlich begabt darin waren, unser Denken möglichst bequem zu organisieren.

Seit es Werkzeuge gibt, lagern wir Tätigkeiten aus. Das Rad ersparte uns das Gehen, der Taschenrechner das Rechnen, die Suchmaschine das Erinnern. Und nun kommt die KI daher und bietet uns an, auch noch das Formulieren, Recherchieren, Sortieren und Argumentieren zu übernehmen. Da darf man schon einmal fragen, was von uns übrig bleibt, wenn die Maschine immer mehr von dem erledigt, was wir bislang als „Denken“ bezeichnet haben.

Die Frage ist allerdings falsch gestellt.

Denn Denken besteht nicht darin, möglichst viele Antworten selbst zu produzieren. Denken beginnt vielmehr dort, wo wir entscheiden müssen, welche Antwort überhaupt eine gute und eine richtige ist.

Schon Sokrates hatte dafür eine bemerkenswert moderne Haltung. In Platons „Apologie“ beschreibt er seine vermeintliche Weisheit sinngemäß darin, dass er nicht vorgibt zu wissen, was er nicht weiß. Das Entscheidende ist also nicht die Menge des verfügbaren Wissens, sondern das Bewusstsein der eigenen Grenzen.

Wie aktuell dieser Gedanke plötzlich wirkt.

Denn die KI kennt – oder besser: produziert – Antworten in einer Geschwindigkeit, gegen die unser eigenes Gedächtnis ziemlich altmodisch aussieht. Sie kann uns zu nahezu allem etwas sagen. Gerade deshalb müssen wir lernen, zwischen Antwort und Erkenntnis zu unterscheiden.

Eine KI kann eine erstaunlich plausible Antwort geben – auch dann, wenn diese Antwort falsch ist. Und weil sie sprachlich so souverän auftritt, verwechselt unser Gehirn leicht sprachliche Gewandtheit mit Wahrheit. Die Maschine klingt so, als wüsste sie es. Das genügt uns erstaunlich oft.

Wer ihre Antworten ungeprüft übernimmt, macht sich deshalb tatsächlich abhängig. Nicht weil die KI zu klug wäre, sondern weil wir unser eigenes Urteil zu selten bemühen. Man könnte sagen: Die eigentliche Gefahr der KI ist nicht die künstliche Intelligenz, sondern unsere menschliche Bequemlichkeit.

Und hier kommt ein zweiter philosophischer Gedanke ins Spiel. Hannah Arendt hat zwischen dem bloßen Wissen und dem Denken beziehungsweise Urteilen unterschieden. Denken bedeutet bei ihr nicht einfach, möglichst viele Informationen zu besitzen. Es bedeutet, sich mit etwas auseinanderzusetzen, es von verschiedenen Seiten zu betrachten und schließlich zu einem eigenen Urteil zu gelangen. Urteilskraft entsteht nicht durch das Ansammeln von Antworten, sondern durch die Fähigkeit, mit ihnen kritisch umzugehen.

Genau darin liegt die Chance der KI.

Sie kann uns das Denken abnehmen – oder uns beim Denken helfen. Sie kann Gegenargumente liefern, einen komplizierten Sachverhalt erklären, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen oder uns auf einen Gedanken bringen, den wir allein vielleicht übersehen hätten. Wer sie fragt: „Was ist die Antwort?“, bekommt möglicherweise eine Abkürzung. Wer dagegen fragt: „Was spricht gegen diese Antwort?“, hat bereits begonnen, mit der Maschine zu denken.

Vielleicht verändert KI deshalb weniger unsere Intelligenz als unsere Verantwortung für das eigene Denken.

Bildung könnte in Zukunft sogar wichtiger werden, nicht weniger. Denn wenn Antworten billig und jederzeit verfügbar sind, wird die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen, Quellen zu prüfen und Zusammenhänge zu beurteilen, umso wertvoller.

Digitale Zuversicht bedeutet deshalb nicht, der KI blind zu vertrauen. Sie bedeutet auch nicht, sie ängstlich abzuwehren. Sie bedeutet, ihre Stärke zu nutzen und zugleich die eigene Urteilskraft zu bewahren.

Vielleicht sollten wir KI deshalb weniger als Orakel betrachten und mehr als Gesprächspartner: einen erstaunlich schnellen, manchmal brillanten, gelegentlich aber auch selbstbewusst irrenden Gesprächspartner.

Wir können uns beim Denken durchaus unterstützen lassen.

Aber denken müssen wir am Ende selbst.

Und jetzt interessiert mich Eure Meinung: Macht KI uns tatsächlich dümmer und fauler – oder eröffnet sie uns sogar neue Möglichkeiten zu lernen, zu denken und Probleme zu lösen? Wo erlebt Ihr Euch selbst eher als aktiver Nutzer der KI – und wo vielleicht schon als jemand, der von ihr genutzt wird?

Schreibt Eure Meinung in die Kommentare. Lasst uns „digitale Zuversicht“ gemeinsam weiterdenken.

 
 
 

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